Was du dir im Geschäftsbericht anschauen solltest

Basis
Welche Informationen du aus dem Geschäftsbericht ziehen kannst und warum es nie schadet, sich die Bilanz und die Gewinn- und Verlustrechnung anzuschauen. Von Jens Castner

Neben Kennzahlen wie Kurs-Gewinn-Verhältnis, Dividendenrendite und Buchwert, die wir dir hier vorgestellt haben, gibt es noch einige Punkte, die Anleger:innen unbedingt beachten sollten, bevor sie sich für oder gegen den Kauf einer Aktie entscheiden. Dazu ist ein Blick in den Geschäftsbericht unerlässlich.

Vor allem in der Bilanz sowie in der Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) finden sich wertvolle Hinweise auf Verschuldung und Margen. Das sind zwei zentrale Punkte, die bei einer oberflächlichen Analyse oft vergessen werden. Wenn Bewertungsrelationen wie Kurs-Umsatz-Verhältnis oder Dividendenrendite extrem günstig aussehen, liegt nicht selten etwas anderes im Argen, sonst wäre die Aktie nicht so (vermeintlich) günstig.

Keine Angst, man muss kein/e Bilanzexpert:in sein, um guten Gewissens eine Aktie kaufen zu können. Vor allem bei Standardwerten wie DAX-Titeln gibt es ganze Heerscharen von Analyst:innen, die den Unternehmenszahlen auf den Zahn fühlen. Und gerade die erfahrensten unter ihnen geben zu bedenken, dass beispielsweise die Bilanz einer Bank nicht wirklich zu erfassen ist. Meist sind die Probleme in Tochtergesellschaften und Schattenbilanzen versteckt, gern auch in Fußnoten im Anhang. Gegen Betrug oder zumindest geschönte Darstellungen gibt es keine 100-prozentige Absicherung.

Das soll aber kein Argument sein, Aktien generell zu meiden. Da die Mehrheit der Unternehmen sauber bilanziert, überwiegen die Chancen die Risiken bei Weitem, wenn man auf eine ausgewogene Mischung aus verschiedenen Aktien und Branchen achtet. Ganz Vorsichtige investieren nur in schuldenfreie Unternehmen. Die gehen in aller Regel nicht pleite.

Verschuldung

Um die Qualität einer Bilanz zu beurteilen, lohnt vor allem ein Blick auf die Schulden, die im Finanzjargon als Verbindlichkeiten bezeichnet werden. Als grobe Faustregel für einen schnellen Bilanzcheck gilt: Das unter Aktiva dargestellte Anlagevermögen sollte größer sein als die langfristigen Verbindlichkeiten, die auf der Passiva-Seite der Bilanz zu finden sind.

Gleichzeitig sollte das Umlaufvermögen die kurzfristigen Verbindlichkeiten (zum Beispiel erhaltene Anzahlungen und Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen) übersteigen. Ist dies nicht der Fall, solltest du die Ursachen ergründen. Das Gleiche gilt, wenn die Schulden deutlich schneller steigen als Umsatz und Gewinn. Gibt es keine schlüssigen Erklärungen – etwa Unternehmenszukäufe oder der Aufbau eines neuen Geschäftsfelds – gilt: Finger weg!

Forderungen und Vorräte

Auch die Forderungen aus Lieferungen und Leistungen lohnen einen Blick. Das sind die Schulden, die Kund:innen bei dem Unternehmen haben, dessen Bilanz du gerade studierst. Steigt der Umsatz um zehn Prozent und die Forderungen in ähnlichem Maß, ist alles im Lot. Ein explosionsartiger Anstieg der Forderungen bei nur geringer Umsatzausweitung kann jedoch ein Indiz für Zahlungsschwierigkeiten eines Großkunden sein. Hier lohnt Nachbohren auf jeden Fall.

Ebenso kann es ein Alarmzeichen sein, wenn die Vorräte (vor allem die fertigen Erzeugnisse) deutlich stärker steigen als der Umsatz. Das kann bedeuten, dass die Firma auf ihren Produkten sitzen bleibt.

Margen: Je höher, desto besser

Neben Umsatz und Ertrag kannst du aus der im Geschäftsbericht enthaltenen Gewinn- und Verlustrechnung entscheidende Informationen über die Margen eines Unternehmens ziehen.

Die Marge wird auch als Gewinnspanne bezeichnet und gibt Auskunft darüber, wie viel von jedem Euro Umsatz als Gewinn für die Aktionär:innen hängen bleibt (in Prozent ausgedrückt). Je höher die Marge ist, desto besser kann ein Unternehmen auch mal ein schwaches Jahr verkraften. Deshalb sind Internetunternehmen wie Facebook so viel höher bewertet als Firmen mit kapitalintensivem Geschäftsmodell.

Denn eine hohe Marge deutet auf einen niedrigen Fixkostenblock hin, der im Idealfall bei Bedarf auch noch rasch reduziert werden kann. Beträgt die Marge hingegen nur ein Prozent, bleibt von jedem Euro Umsatz gerade mal ein Cent Gewinn übrig. Laufen die Geschäfte nun schlecht, sorgen hohe Fixkosten und dünne Margen nicht selten dafür, dass ein Unternehmen in die Verlustzone rutscht, was den Substanzwert schmälert und die Ausschüttung der Dividende gefährdet.

Wichtige Kennzahl: Ebitda-Marge

Eine der wichtigsten Kennzahlen für die Gewinnspanne ist die Ebitda-Marge, die den Umsatz ins Verhältnis zum operativen Gewinn setzt, der als Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen und Amortisation definiert wird.

Die am meisten beachtete Kennzahl ist jedoch die Ebit-Marge, bei der Ab- und Zuschreibungen nicht berücksichtigt werden. Hier wird der Umsatz ins Verhältnis zum Gewinn vor Zinsen und Steuern gesetzt. Als akzeptabel gelten Ebit-Margen zwischen sechs und zwölf Prozent. Was darunter liegt, ist bedenklich, Werte über zwölf Prozent sind spitze.

Zieht man vom Gewinn auch noch Zinsen und Steuern ab, erhält man den Jahresüberschuss. Wird dieser ins Verhältnis zum Umsatz gesetzt, spricht man von Nettomarge oder auch Umsatzrendite.

Für die wichtigsten deutschen Aktien findest du Informationen zu Ebit- und Nettomarge nicht nur im Geschäftsbericht, sondern auch in unserer interaktiven Datenbank, die sich BÖRSE ONLINE-Abonnenten unter premium.finanzenverlag.de kostenlos herunterladen können. Für viele gängige Aktien findest du die Kennzahlen auch auf www.boerse-online.de, indem du unterhalb des Charts den Punkt Fundamental suchst und dort auf Bilanz/GUV und Schätzungen (für Prognosen für kommende Jahre) klickst.

Auftragslage

Geschäftsberichte zu lesen ist nicht vergnügungssteuerpflichtig. Meist sind sie dröge und wegen der strengen Regularien auch übervorsichtig formuliert. Trotzdem lohnt die Lektüre, am besten zeitnah kurz nach der Veröffentlichung. Das abgelaufene Geschäftsjahr ist meistens schon einige Monate vorbei, wenn der Geschäftsbericht vorliegt. Liest du ihn noch mal ein halbes Jahr später, können die Informationen längst überholt sein.

Ein Punkt, über den du dich auf jeden Fall informieren solltest, ist die Auftragssituation. Der Auftragsbestand gibt Aufschluss darüber, wie lange das Unternehmen ausgelastet ist. Liegt er höher als der Umsatz des Vorjahres, ist das ein gutes Zeichen – und umgekehrt. Da an der Börse die Zukunft gehandelt wird, ist der Auftragseingang jedoch die noch wichtigere Größe. Ist der Auftragseingang größer als der Umsatz, stehen die Zeichen auf Wachstum. Ist er kleiner, deutet das auf eine Nachfrageschwäche hin.

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2021-11-10T11:29:13+01:00
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