Vorsicht, Falle! Die häufigsten Fehler bei der Geldanlage

Basis
Das eigene Ego kann an der Börse zum Feind werden. Die Wissenschaft namens Behavioural Finance zeigt Auswege aus den Fehlern der Geldanlage. Von Notker Blechner

Wenn Teodoro Cocca, Professor für Wealth und Asset Management an der Uni Linz, Vorträge über Anlegerfehler hält, beginnt er am liebsten mit einem Experiment. Anleger:innen sollen eine Münze werfen. Bei Zahl gewinnen sie 200 Euro, bei Kopf gehen sie leer aus. Werfen sie keine Münze, bekommen sie 100 Euro. Die meisten Anleger:innen gehen kein Risiko ein und nehmen die 100 Euro Cash mit, anstatt die Münze zu werfen.

Dann kommt das zweite Spiel: Werfen die Anleger:innen die Münze, verlieren sie bei Zahl 200 Euro, bei Kopf haben sie keinen Verlust. Verzichten sie auf den Münzwurf, müssen sie gleich 100 Euro zahlen. Das Ergebnis: Die meisten Anleger:innen entscheiden sich für den riskanten Münzwurf. Professor Cocca schüttelt den Kopf: „Ein rationaler Investor müsste eigentlich bei beiden Spielen die gleiche Variante wählen. Offenbar bewerten Anleger Verluste doppelt so stark wie Gewinne.“

Behavioural Finance: Über Fehler bei der Geldanlage

Der Schweizer Professor, der in Österreich lehrt, hat sich auf die Forschungsrichtung Behavioural Finance konzentriert. Die verhaltensökonomische Finanztheorie soll erklären, warum Anleger:innen oft nicht rational handeln und sich von Gefühlen beeinflussen lassen. Sie vertrauen dem Herdentrieb, sitzen Verluste zu lang aus und neigen zu Überreaktionen.

Das kann sie teuer zu stehen kommen. Denn zahlreiche, insbesondere männliche Investoren neigten zu Selbstüberschätzung, weiß Cocca. „Das ist wie bei Autofahrern oder Ärzten“, sagt er. Fast jeder hält sich für besser als der Durchschnitt. Die Folge: Man geht höhere Risiken ein. Und reagiert mehr auf kurzfristige Nachrichten.

Frauen hingegen denken langfristiger, handeln konservativer — und sind konsequenter, sprich: Sie verkaufen schneller. Männer wollen sich oft die Verluste nicht eingestehen und halten schlecht laufende Aktien länger. Das ist der sogenannte Dispositionseffekt. Männer verkaufen gute Aktien zu früh und halten Verlustbringer zu lange. Besser wäre es, sich an die Empfehlung von Altmeister André Kostolany zu halten:

Slide Der Narr spricht: Lege nicht alle Eier in einen Korb. Der weise Mann spricht: Lege alle Eier in einen Korb und gib gut auf diesen Korb acht." André Kostolany, Börsenguru

Selektive Wahrnehmung

Behavioural-Finance-Experte Cocca hat typische Verhaltensanomalien ermittelt, die für Anleger:innen zur Falle werden. So nimmt unser Gehirn gern bevorzugt solche Informationen auf, die unsere eigene Meinung stützen, während andere Details ausgeblendet werden. Auch falsche Entscheidungen werden so im Nachhinein als richtig eingestuft. Der Professor nennt das selektive Wahrnehmung.

Auch das Muster der Gambler’s Fallacy erschwert es Anlegern:innen, rationale Entscheidungen zu fällen. Demnach schätzen Roulettespieler:innen nach siebenmal Rot die Wahrscheinlichkeit für Schwarz deutlich höher ein. Tatsächlich liegen die Chancen aber weiter bei 50:50.

Zudem spielt das Anchoring dem Gehirn einen Streich. Das Gehirn sucht einen Anker, an dem es sich bei kniffligen Fragen orientiert. So sollten Probanden:innen bei einem Versuch die Zahl der Zahnärzte:innen in London schätzen und dabei die letzten vier Ziffern ihrer Handynummer angeben. Das Ergebnis: Je höher diese vier Ziffern waren, desto mehr Zahnärzte:innen wurden in London vermutet.

Die Neuroökonomie zeigt, dass selbst Marken das Geschmacksverhalten beeinflussen. Beim Cola-Test schmeckte den Probanden:innen in der Blindverkostung Pepsi besser als Coca-Cola. Beim offenen Test bevorzugten sie plötzlich Coke, weil sie offenbar die Marke im Gehirn als hochwertiger programmiert hatten.

Und dann ist da noch das Problem des Home Bias, auf das Cocca hinweist. Anleger:innen sind zu sehr auf inländische Aktien fixiert und ignorieren besser laufende Alternativen im Ausland. Das schmälert die Rendite Studien zufolge um mehr als einen Prozentpunkt pro Jahr.

Die selektive Wahrnehmung könne zum Phänomen des Herdenverhaltens führen, sagt Cocca. Das muss nicht immer schlecht sein. Das Kopieren des Anlegerverhaltens von Finanzprofis kann sich durchaus auszahlen, wie man beim Social Trading sieht. „Es ist gut, sich auf die Informationen anderer zu verlassen“, sagt der Professor. Das positivste Beispiel des Herdenverhaltens sind Momentum-Strategien, die auf den Effekt setzen, dass Aktien, die in der Vergangenheit überdurchschnittlich performt haben, auch in Zukunft oft gut laufen. „Momentum funktioniert seit 200 Jahren“, schwärmt Leo Willert, Gründer und Chef des Dachfondsanbieters Arts Asset Management. Studien zufolge hat Momentum langfristig mehr Rendite gebracht als einmal zu kaufen und für lange Zeit zu halten (englisch Buy and Hold).

Spekulative Blasen

Mitunter kann das Herdenverhalten aber auch in spekulative Blasen münden. Das wohl bekannteste Beispiel ist die Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende. Eine spekulative Blase sei wie eine soziale Ansteckung, meint Cocca. Eine Idee breitet sich aus und verselbstständigt sich dann. Wie sagte schon John Maynard Keynes:

Slide Nichts ist so unheilvoll wie eine rationale Investmentpolitik in einer irrationalen Welt." John Maynard Keynes

Was also tun, um nicht in die genannten Fallen zu tappen? Professor Cocca empfiehlt als beste Medizin Disziplin und Bescheidenheit. Martin Weber, Professor an der Uni Mannheim, rät gar, ein Anlagetagebuch zu führen, in dem einzelne Kauf- und Verkaufsentscheidungen dargestellt und Kursziele festgehalten werden. Viel Aufwand — aber was tut man nicht alles für die Rendite.

Aktivismus Hin und Her macht Taschen leer

Die Börse bestehe zu 90 Prozent aus Psychologie, sagte einst Altmeister André Kostolany. Tatsächlich verlieren Anleger:innen viel Geld, weil sie oft zu irrational handeln. Eine typische Anlegerfalle ist der Aktivismus. Anleger:innen neigen dazu, zu oft umzuschichten, wenn sich ein paar Tage nichts tut oder ihnen jemand einen neuen Tipp zuruft. Das führt Studien zufolge zu Renditeeinbußen – nach dem Motto „Hin und Her macht Taschen leer“. Aus diesem Grund rät Professor Weber, die einstigen Kaufargumente in einem Börsentagebuch festzuhalten. Zumindest jenen Anlegern:innen, die es sich nicht leisten können, ein paar Jahre durchzuschlafen, wie Kostolany empfiehlt.

Slide Stress vermeiden! Fehler resultieren oft aus Zeitdruck oder psychischem Stress. Devisenhändler:innen müssen innerhalb von Sekunden auf wichtige Entscheidungen wie Zinssenkungen reagieren. Da entscheiden viele aus dem Bauch. Privatanleger:innen hingegen sollten sich nie hetzen lassen und ihre Entscheidungen sorgfältig abwägen. So viel Zeit muss sein.

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2021-11-10T11:12:19+01:00
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