Timing: Wann ist der richtige Zeitpunkt, Aktien zu kaufen?

Basis
Wie man gute Aktien findet, kann man sich zu jeder Zeit aneignen. Aber wann ist der richtige Zeitpunkt, sie zu kaufen? Drei einfache Methoden, wie du deine Investments timen kannst. Von Jens Castner

Wie gebannt starrt die Börsenwelt regelmäßig auf Arbeitsmarktdaten, BIP-Zahlen, Verbrauchervertrauen, das amerikanische Beige Book oder den japanischen Tankan-Bericht, die Aufschluss über die Wirtschaftslage des jeweiligen Landes geben sollen. Konjunkturdaten, -berichte und -indikatoren gibt es en masse. Aber wie soll man als Anleger:in auf diese Flut von Informationen reagieren und wissen, wann der richtige Zeitpunkt für einen Aktienkauf ist?

Am besten gar nicht. Natürlich ist die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) wichtig für die Börse, weil in Zeiten des Wachstums die Unternehmensgewinne eher steigen und bei rückläufiger Konjunktur tendenziell sinken werden. Doch ist es Volkswirt:innen in den seltensten Fällen gelungen, eine Rezession (laut Definition zwei aufeinanderfolgende Quartale mit rückläufiger Wirtschaftsleistung) korrekt vorherzusagen, geschweige denn, wie lange sie dauert. Und selbst, wenn es gelingt: Die Börse nimmt konjunkturelle Entwicklungen fast immer vorweg. Deshalb beginnen die Kurse meist mitten in der Rezession zu steigen. Umgekehrt sind in Boomphasen heftige Kurseinbrüche möglich (siehe „Ei des Kostolany“).

Es ist sicher kein Schaden, Indikatoren wie den Ifo-Geschäftsklimaindex, den GfK-Konsumklimaindex oder die ZEW-Konjunkturerwartungen im Auge zu behalten, aber als Instrument zum Timing von Aktienkäufen oder -verkäufen taugen sie nur bedingt. Aussagekräftigere Frühindikatoren sind die Einkaufsmanagerindizes. Fällt beispielsweise der amerikanische ISM-Einkaufsmanagerindex oder das europäische Pendant namens Markit-Einkaufsmanagerindex auf Werte unter 50 Punkte, heißt das: Unternehmen bestellen weniger Waren, weil die Nachfrage schwach ist. Werte über 50 sind dagegen gut für die Börse, wobei Anstiege logischerweise besser sind als Rückgänge.

Deutlich wichtiger als die genannten Indikatoren ist das monetäre Umfeld, kurz: die Zinssituation. Da die Renditen von Aktien auch relativ zu anderen Anlageformen wie Anleihen zu betrachten sind, spielt die Notenbankpolitik zumindest seit der Krise 2008/09 eine entscheidende Rolle. Sinken die Zinsen, ist das gut für Aktien und umgekehrt. Dass die Zinsen eher in wirtschaftlich schwachen Phasen gesenkt werden, erklärt auch, warum die Kurse oft in der Rezession steigen, obwohl es wegen der schwachen volkswirtschaftlichen Indikatoren niemand erwartet.

Das Börsenbarometer

Eine sehr gute Schnelleinschätzung, ob die Zeiten gut oder schlecht für Aktieninvestments sind, liefert dir das Börsenbarometer, das du jeden Freitag auf boerse-online.de findest.

Der wichtigste Indikator ist dabei die Zinsstruktur. Normalerweise sind die langfristigen Zinsen höher als die kurzfristigen, wie sich auch an Baufinanzierungen ablesen lässt. Sind aber die kurzfristigen Zinsen höher als die langfristigen, spricht man von einer inversen Zinsstruktur. Das ist ein schlechtes Zeichen, weil es die Investitionsbereitschaft der Unternehmen hemmt. Man kann sich ja später für weniger Zinsen Geld beschaffen und daher zu günstigeren Konditionen investieren. Die Zeichen stehen dann auf Rezession. Neben der Zinsstruktur fließen noch etliche andere Indikatoren ins Gesamtbild ein, etwa die Trendstärke von Aktienindizes, Jahreszeit, Währungs- und Rohstoffpreise.

Markttiming: Das Ei des Kostolany

Ei des Kostolany

Einfach und unübertroffen ist die Darstellung der verschiedenen Marktphasen als Ei, die auf Börsenaltmeister André Kostolany (1906–1999) zurückgeht. Es gilt für alle Märkte, die zyklischen Bewegungen unterworfen sind, also Anleihen, Währungen, Rohstoffe und in ganz besonderem Maß für Aktien. Das Ei fußt auf der Erkenntnis, dass sich bestimmte Marktphasen regelmäßig wiederholen. Jeder Rezession folgt ein Aufschwung, jedem Boom ein Abschwung.

Als Anleger:in kann man das ausnutzen, indem man antizyklisch agiert, also kauft, wenn die Nacht am dunkelsten erscheint, und verkauft, wenn der Himmel voller Geigen hängt. Obwohl das Wechselspiel von Boom und Rezession seit Hunderten von Jahren bekannt ist, reagieren die Börsen jedes Mal wieder mit gewaltigen Übertreibungen auf die guten und schlechten Wirtschafts- und Unternehmensdaten, die in der jeweiligen Phase die Schlagzeilen dominieren. Das hat seine Ursache darin, dass Analyst:innen dazu tendieren, Erfahrungen aus der Vergangenheit in die Zukunft fortzuschreiben. Wenn Unternehmensdaten über einen sehr langen Zeitraum besser ausgefallen sind als erwartet, werden positive Überraschungen zur (vermeintlichen) Realität. Umgekehrt gewöhnt man sich in Abschwungphasen an Enttäuschungen, die Erwartungen sind auf dem Nullpunkt, fallende Kurse bestimmen den Alltag. Laut Kostolany ist das der Zeitpunkt, um in die fallenden Kurse hineinzukaufen und abzuwarten, bis die Wirtschaft wieder Tritt fasst und die Kurse in den positiven Bereich drehen (Unterseite des Eis).

Dann bleibt man während der folgenden Aufschwungphase investiert und freut sich über die steigenden Kurse, bis Wirtschaft und Märkte überhitzen. Bleibt nur die Frage, woran man den richtigen Zeitpunkt zum Ein- und Ausstieg erkennt. Auch hier liefert Kostolany eine einfache Antwort: Wenn der Markt auf gute Nachrichten nicht mehr mit Kursanstiegen reagiert, ist die Luft raus und damit die Zeit zum Ausstieg gekommen. Umgekehrt ist Kaufzeit, wenn schlechte Nachrichten nicht mehr von Kursrückgängen begleitet werden.

Die Methode von Thomas Gebert

Eine einfache, aber wirkungsvolle Methode zum Timing der Aktienmärkte hat der Physiker Thomas Gebert entwickelt. Da das Winterhalbjahr historisch gesehen meist das stärkere ist, berücksichtigt er neben volkswirtschaftlichen Indikatoren auch diesen saisonalen Faktor. Es gibt jeweils einen Punkt, wenn

  •  die „gute Börsenzeit“ von November bis April herrscht,
  •  die Inflationsrate niedriger ist als vor einem Jahr,
  •  der US-Dollar im Vergleich zum Euro höher steht als vor einem Jahr,
  •  der letzte Zinsschritt der EZB eine Senkung war.

Investiert wird ab drei Punkten, zwingend verkauft ab einem Punkt. Bei zwei Punkten wird die aktuelle Positionierung beibehalten.

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2021-11-10T11:06:55+01:00
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