Smart-Beta-ETFs: Zentrale Faktoren

Fortgeschritten
Investor:innen stecken Milliardensummen in Smart-Beta-ETFs. Börsengehandelte Fonds mit diesem Label versprechen Überrenditen oder eine risikoreduzierte Anlage. Wir klären auf, was hinter dem Boom steckt. Von Wolfgang Hagl

Das Adjektiv „smart“ hat in der Konsumwelt einen festen Platz. Seit den 1990er-Jahren rollt ein gleichnamiges Auto über die Straßen. Heute tragen Mobiltelefone, Uhren und Fernseher dieses Etikett. Möglicherweise hat der Erfolg von Smartphones, Smartwatches und Smart-TV die ETF-Industrie dazu angespornt, den für „clever“ oder „gewitzt“ stehenden Begriff zu verwenden.

Smart-Beta-ETFs bilden modifizierte Indizes ab. Während traditionelle Börsengradmesser wie der DAX nach der Marktkapitalisierung ihrer Mitglieder gewichtet sind, greifen hier andere Kriterien. Diese Bauweise nimmt Einfluss auf das Risiko einer Anlage, im Fachjargon Beta genannt. Die neuartigen Indizes versuchen, entweder besser abzuschneiden als der jeweilige Markt oder zielen auf reduzierte Preisschwankungen ab.

Vier Auswahlkriterien dominieren

Wichtige Ideengeber für das Konzept waren der Nobelpreisträger Eugene Fama und sein Partner Kenneth French. Die beiden US-Ökonomen publizierten 1992 ein Multifaktor-Modell. Darin zeigen sie auf, dass sich für Investor:innen ein spezieller Fokus auf kleinere Unternehmen sowie günstig bewertete Aktien bezahlt machen kann. Im Laufe der Zeit kamen weitere renditetreibende respektive risikosenkende Faktoren hinzu.

Neben den von Fama und French gezeigten Parametern Small Cap und Value sind vor allem die Auswahlkriterien Dividenden und Low Vola in Smart-Beta-ETFs anzutreffen. Ende 2019 waren nach Zahlen von Amundi in Europa insgesamt 74 Milliarden Euro in dem Segment angelegt. Davon entfielen mehr als drei Viertel auf die vier wichtigsten Faktoren, welche wir auf der nächsten Seite genauer vorstellen.

Übrigens: Die Smart-Beta-Bewegung stößt auch auf Kritik. Skeptikern zufolge ist es nicht möglich, dauerhaft „schlauer“ als der Markt zu sein. Sie monieren zudem die mitunter hohen Gebühren solcher ETFs. Dem starken Wachstum tut das keinen Abbruch. Nach Angaben des Datendienstleisters ETFGI nahm das unter dem smarten Label weltweit verwaltete ETF-Kapital in den ersten elf Monaten 2019 um mehr als ein Drittel auf rekordhohe 835 Milliarden US-Dollar zu.

Dividenden: Geschickt im Geldregen positioniert

Aktienanleger:innen genießen seit Jahren ein Verwöhnprogramm der besonderen Art. Die von den Unternehmen geleisteten Ausschüttungen steigen stetig. Insofern überrascht es nicht, dass passive Dividendenstrategien immense Kapitalsummen anziehen. Allein in Deutschland sind mehr als 70 derartige ETFs gelistet. Dazu zählt der knapp zwei Milliarden Euro schwere SPDR S & P Euro Dividend Aristocrats (WKN: A1J T1B). Der Referenzindex durchforstet die Eurozone nach Aktien mit besonders hohen Dividendenrenditen. Dabei kommen nur Unternehmen infrage, die ihre Ausschüttung über einen Zeitraum von zehn Jahren nicht reduziert haben. Diese Methode greift: Der Index hängt den breiten Markt im langfristigen Vergleich deutlich ab.

Low Vola: Weniger Zickzackkurs

Die implizite Volatilität zählt zu den bekanntesten Kennziffern an der Börse. Sie zeigt die über einen gewissen Zeitraum erwartete Kursschwankungsbreite eines Wertpapiers. Mit einem Fokus auf vergleichsweise weniger „zittrige“ Aktien stellen Smart-Beta-ETFs ein risikoreduziertes Investment in Aussicht – ohne auf Rendite verzichten zu müssen. Die Wissenschaft spricht in diesem Zusammenhang von der Low-Vola-Anomalie. Sie besagt, dass Aktien mit einer geringen Volatilität auf Dauer besser abschneiden als solche mit einem relativ hektischen Kursverlauf. iShares bietet diese Strategie unter anderem für den alten Kontinent an. Ein börsengehandelter Fonds (WKN: A1J 783) des Branchenkrösus bildet den MSCI Europe Minimum Volatility Index gegen eine Gebühr von 0,25 Prozent p. a. passiv ab.

Small Cap: Klein, aber oho

Mit dem Investment in vergleichsweise gering kapitalisierte Aktien lässt sich an der Börse eine Prämie erzielen. Die Verfechter:innen dieser These argumentieren damit, dass die kleineren Unternehmen häufig einzigartige Geschäftsmodelle verfolgen und dadurch besonders wachstumsstark sind. Auf diese Weise geraten sie nicht selten in das Visier von Aufkäufern. Ein Blick auf den Xtrackers MSCI Europe Small Cap (WKN: DBX 1AU) spricht für die Wirkung dieses Investment-Faktors. In den vergangenen zehn Jahren hat der Referenzindex im Schnitt um 9,9 Prozent p. a. zugelegt. Damit erzielte er gegenüber dem marktbreiten MSCI Europe Index eine stattliche Outperformance von jährlich mehr als vier Prozentpunkten. Die Small-Cap-Auswahl ist breit aufgestellt, sie umfasst derzeit nahezu 1000 kleinere europäische Aktien.

Value: Auf Schnäppchenjagd

Mit „Security Analysis“ veröffentlichte Benjamin Graham 1934 eine Art Bibel für Value-Investoren. Mehr als 80 Jahre später stecken die Erkenntnisse des US-Wissenschaftlers in vielen Smart-Beta-ETFs. Sie bilden also Indizes ab, in denen unterbewertete Aktien aus bestimmten Märkten geballt anzutreffen sind. Zu den eher kleineren ETFs dieser Art zählt der BNP Paribas Easy Equity Value Europe (WKN: A2 AL32). Seit 2016 suchen die Franzosen anhand Dividendenrendite, Kurs-Gewinn-Verhältnis sowie Relation des Cashflows zum Unternehmenswert nach Börsenschnäppchen. Bis dato geht das Kalkül der Überrendite bei dieser Smart-Beta-Strategie auf.

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2021-11-10T11:36:40+01:00
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