ETFs: Ausschüttend, thesaurierend, synthetisch oder voll replizierend?

Basis
Bei ETFs unterscheidet man zwischen ausschüttenden, thesaurierenden, synthetischen und voll replizierenden Produkten. Neben der Frage, wie sicher das Geld ist, wollen wir außerdem klären, wohin eventuelle Dividenden fließen. Was diese Fachausdrücke bedeuten. Von Jens Castner

Zweifellos sind ETFs die einfachste Art, an der Börse anzulegen. Doch immer wieder ist zu lesen, diese relativ junge Produktgattung habe ihre Krisenfestigkeit noch nicht bewiesen. Wie auch bei anderen Fonds sind Anlegergelder, die in ETFs fließen, geschütztes Sondervermögen. Das heißt: Wenn der Anbieter pleitegeht, haben der/die Insolvenzverwalter:in oder andere Gläubiger:innen keinen Zugriff auf die Wertpapiere, die den ETF-Anlegern:innen zustehen. Doch was, wenn am Ende ganz andere Wertpapiere als Sicherheit hinterlegt sind als gedacht?

Bei Swap-basierten ETFs kann das durchaus vorkommen. Zudem basiert diese Art von Produkten auf Tauschgeschäften unter institutionellen Investoren. Welche Auswirkungen die Insolvenz eines Tauschpartners haben kann, ist — mangels Präzedenzfall — nicht bekannt. Trotzdem haben Swap-basierte ETFs ihre Berechtigung: etwa wenn exotische Indizes auf der Grundlage von Wertpapieren nachgebaut werden sollen, welche nicht liquide handelbar sind.

Mehr Sicherheit versprechen physisch replizierende ETFs. Aber auch hier gibt es ungeklärte Fragen. Denn nicht selten sind sie es, die Aktien an Leerverkäufer verleihen. Was passiert, wenn eines Tages ein systemrelevanter Hedgefonds die geliehenen Aktien nicht zurückgeben kann, lässt sich ebenfalls nur erahnen. Trotz dieser Fragezeichen sollten sich Anleger:innen nicht abschrecken lassen. Ganz ohne Risiko sind eben keine überdurchschnittlichen Erträge drin. Und bisher kam es noch nie zu größeren Verwerfungen.

Ausschüttende ETFs: Gutschrift aufs Verrechnungskonto

In einen Performance-Index wie den DAX werden die Dividenden eingerechnet. Die meisten internationalen Börsenbarometer aber sind sogenannte Kursindizes – hier fallen die Dividenden unter den Tisch. Bei einem voll replizierenden ETF auf einen Kursindex wie den Euro Stoxx 50 oder den Dow Jones fallen jedoch trotzdem Dividenden an, auch wenn das im Punktestand des Index nicht sichtbar ist. Zudem sind weitere Sondererträge, etwa durch Wertpapierleihe, möglich. Daraus können die Gebühren und die meist auf Dividenden anfallenden Steuern beglichen werden. Der Rest wird an die Anleger:innen ausgeschüttet und auf das Verrechnungskonto überwiesen (in der Regel nach einem erneuten Steuerabzug).

Thesaurierende ETFs: Mehr Ertrag dank Zinseszins

Neben ausschüttenden ETFs gibt es solche, die ihre laufenden Erträge wieder anlegen. In der Regel ist das der Fall, wenn sich der ETF auf einen Performanceindex bezieht: Die Dividenden werden dann einbehalten, um zusätzliche Aktien zu kaufen. Diese Form der Reinvestition bezeichnet man im Fachjargon als thesaurierend.

Vor allem in der aktuellen Negativzinsphase versprechen thesaurierende ETFs überlegene Renditen, weil ja eine Performance größer null zu erwarten ist. Langfristig ergibt sich daraus ein nicht zu unterschätzender Zinseszinseffekt. Das ist dem Fiskus aber nicht verborgen geblieben: Auch die nicht ausgeschütteten Erträge aus thesaurierenden ETFs müssen versteuert werden.

Synthetisch, indirekt, Swap-basiert

Nicht jeder ETF kauft tatsächlich die Aktien aus jenem Index, den er nachbilden will. Solche Konstruktionen bezeichnet man als indirekt replizierend, synthetisch oder Swap-basiert. Um die Anlegergelder zu besichern, werden hier zwar Wertpapiere als Sondervermögen hinterlegt, etwas kurios mutet allerdings an, dass dies nicht zwangsläufig die Aktien aus dem nachgebildeten Index sein müssen.

So können in einem synthetischen ETF auf den DAX zum Beispiel auch Papiere aus der Schweiz oder Japan enthalten sein. Allerdings hat der ETF-Anbieter zuvor ein Tauschgeschäft – und genau das bedeutet das englische Wort „swap“ – mit einer Bank oder einem vergleichbaren Investmenthaus abgeschlossen. Dieses Haus fungiert als Swap-Partner und garantiert eine möglichst exakte Nachbildung des zugrunde liegenden Index. Dadurch erhöht sich das Risiko.

Wenn der Swap-Partner pleitegeht und die hinterlegten Wertpapiere den Gegenwert des Index nicht abdecken, ist es denkbar, dass im Fall einer Abwicklung des ETFs nicht die volle dem/der Anleger:in zustehende Summe ausbezahlt werden kann. Dieses Risiko ist zwar eher theoretischer Natur, aber wer ganz sichergehen will, greift zu physisch replizierenden ETFs. Swap-basierte ETFs eignen sich besonders, um Indizes nachzubilden, die aus sehr vielen Einzelaktien bestehen (etwa S & P 500 oder Stoxx 600).

Physische Replikation

Hinter Bezeichnungen wie physisch replizierend oder direkt replizierend verbirgt sich nichts anderes als ein ETF, der versucht, einen Index eins zu eins nachzubilden. Diese Sorte ETF kauft die im Index enthaltenen Wertpapiere, und zwar in der exakt gleichen Gewichtung. Was sich einfach anhört, kann kompliziert werden. Denn in Indizes ändern sich Zusammensetzung und Gewichtung der einzelnen Mitglieder gelegentlich.

Der voll replizierende ETF muss diese Änderungen dann eins zu eins nachvollziehen. Weil die Anpassungen verständlicherweise nicht im Sekundentakt möglich sind, kann es zu leichten Abweichungen zwischen der Wertentwicklung im Index und dem ETF kommen. Diese Abweichungen werden im Fachjargon auch als Tracking Error (englisch für „Spurabweichung“) bezeichnet.

Als Faustregel gilt: Je niedriger der Tracking Error bei einem ETF, desto besser; schließlich soll der ETF sich so nah wie möglich am zugrunde liegenden Index bewegen.

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2021-11-10T11:26:16+01:00
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